Hinter den Kulissen #3 – Mareen Wordoff [Interview-Serie]

Unsere Interview-Serie geht in die dritte Runde. Nach Ex-Rhyme-Chefredakteur Alex Schnell und Christoph Lange (CMO von Simfy) unterhalte ich mich dieses Mal mit Mareen Wordoff, die sich mit ihrer Agentur MACHEETE selbständig gemacht hat und dort u.a. auch deutsche Rapkünstler vertritt. Wie es dazu kam, dass sie die Graffitibox Summer Jam mitorganisiert uvm. erzählt sie in einem ausführlichen Interview. Wir schauen hinter die Kulissen…

Hallo Mareen. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast mir einige Fragen für diese Interviewreihe zu beantworten.

Ich danke dir für deine Zeit und finde es wirklich toll, dass sich mal jemand die Zeit nimmt, auch hinter die Kulissen zu schauen.

Du bist aktuell Geschäftsführerin deiner eigenen Kommunikationsagentur MACHEETE. Außerdem schreibst du schon seit einigen Jahren für diverse Musikmagazine. Was gibt es außerdem noch über dich zu wissen?

In der letzten Zeit habe ich mich wirklich nur auf meine Tätigkeit bei MACHEETE konzentriert. Dort arbeite ich als PR und Marketing-Beraterin für verschiedene Unternehmen, Kreativagenturen und Künstler. Ich habe in den letzten Jahren auch für diverse Musikmagazine, -blogs und -portale geschrieben, weil ich unglaublich gerne redaktionell unterwegs bin. Momentan bleibt das ein bisschen auf der Strecke, aber ich plane wieder mehr zu schreiben. Wer mag, schaut in den nächsten Wochen bei hypesrus.com vorbei, einem der größten deutschen Blogs zum Thema Popkultur. Dort werde ich mich aktiv beteiligen. Durch das Schreiben habe ich schon so viele interessante Menschen kennengelernt und oft ergeben sich daraus tolle Zusammenarbeiten.

Was war für dich der ausschlaggebende Punkt dich selbsttändig zu machen? Welche Vision hat dich dazu bewegt?

Es war weniger eine Vision, mehr eine Notwendigkeit. Ziemlich unromantisch, oder? Die Kreativagentur, in der ich vor meiner Selbstständigkeit als Projektmanagerin gearbeitet habe, hat sich damals im Zuge der Wirtschaftskrise verkleinert und ich musste meine Sachen packen. Das war für mich eine sehr traurige Erfahrung, denn ich habe meinen Job und das Team um mich herum geliebt. Es ist nicht einfach in der Medien- und Kreativbranche eine tolle Stelle zu finden und ich hatte bis dato hart gekämpft um an mein Ziel zu gelangen. Aber nun ja, für mich war eigentlich von Anfang an klar, dass ich nicht einfach in die nächstbeste Agentur gehe und dort weiter mache. So blieb mir nur die Selbstständigkeit und ein harter Wille das auch wirklich durchzuziehen. Ich mache eigentlich heute genau das, was ich vorher in der Agentur auch gemacht habe. Nur schreibe ich jetzt die Rechnungen auf meinem Namen. (lacht) Es war bislang eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Du bist außerdem Organisatorin der Graffitibox Summer Jam. Wie bist du dazu gekommen diese mitzuplanen?

Ich bin nun das zweite Mal mit dabei und als PR-Beraterin in Sachen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Jam verantwortlich. Als ich vor gut einem Jahr in die Selbstständigkeit ging, war das mit einer meiner ersten offiziellen Jobs. Ich habe damals auch das zweite Album der Band „Hammer & Zirkel“ betreut und diese haben mich dann an die Organisatoren der Veranstaltung weiterempfohlen. Das ist verrückt, denn zu 80 Prozent ergeben sich meine Aufträge immer aus Weiterempfehlungen. Ich sollte wirklich ein Treuebonus-System für meine Kunden einführen. (lacht) So läuft das aber eben im Musik-Business. Der eine kennt den und der wiederrum den. Am Ende schließen sich dann die Kreise und man macht zusammen ein Projekt. Natürlich muss aber auch die Qualität der Arbeit bei der ganzen Sache stimmen, denn sonst würde mich ja niemand empfehlen.

Was ist das besondere an dieser Veranstaltung?

Ich persönlich liebe die Veranstaltung, weil sie so familiär ist und ich an diesem Tag vielen glücklichen Menschen ins Gesicht schauen kann. Die Graffitibox Summer Jam vereint alle Disziplinen der Kultur, die wir so lieben. Auf der Jam spielt nicht nur Rap eine Rolle sondern auch Graffiti, Beatboxen und das Breaken. Wir sind nicht zu vergleichen mit anderen bekannten Events dieser Art. Bei uns haben auch Acts ohne Plattenvertrag und Tonträger im Handel eine Chance aufzutreten und ihr Können zu beweisen. Auf der Jam werden aber auch verstärkt Wettbewerbe und Workshops angeboten. Eltern können bei uns zusammen mit ihren Kindern einen Einblick in die Hip-Hop Kultur bekommen. Wir bekommen oft von Gästen gesagt, dass die Graffitibox Summer Jam sich wie ein großes Familienfest anfühlt. Alles ist sehr friedlich und nur die Liebe zur Kultur steht im Vordergrund. Das hört sich vielleicht ein bisschen kitschig an, aber ich lade jeden ein, sich selbst ein Bild der Veranstaltung zu machen.

Wie bereits erwähnt bist du auch redaktionell tätig und eine spannende Artikelserie im Wildstylemag hieß “Gesichter deutscher Rap-Kultur”. Wie entstand die Idee verschiedene Künstler zu interviewen und sind dir gewisse Interviewpartner nachhaltig im Kopf geblieben?

Das Konzept war eigentlich Folgendes: 50 Künstlern jeweils fünf spannende Fragen zu stellen, was am Ende 250 Antworten ausmachte. Ich habe die Serie damals, 2009, ins Leben gerufen, weil ich die Beiträge in den Blogs ziemlich eintönig und schnöde fand. Ich hatte oft das Gefühl, dass dort eher Fans als objektive Redakteure berichteten. Was ich auch nicht verurteilen möchte, schließlich verdienen die Wenigsten mit all’ der Arbeit Geld. Jeder Künstler sollte dankbar sein, dass jemand Zeit opfert um ihm eine Plattform zu geben. Für mich war es jedenfalls eine Herausforderung und ich hatte großen Spaß an der Sache. Wenn ich heute darüber nachdenke, erinnere ich mich eigentlich nur daran, dass ich überrascht war wie handzahm einige Künstler waren. Das mag aber daran liegen, weil es ihnen peinlich ist tiefgründige Fragen von einer Frau zu beantworten. Schließlich sind sie ja alle Rapper und harte Kerle. (lacht)

Ich finde es toll, dass du stets versuchst in den Interviews mehr aus den Künstlern herauszuholen um einen Mehrwert für den Leser zu schaffen. Du weißt aber auch, dass es Alltag in Musikmagazinen ist, dass Interviews standardisiert durchgeführt werden. Was hälst du von solchen “austauschbaren Interviews”?

Meine Strategie als Redakteurin war es immer, etwas Besonderes aus meinem Interviewpartner heraus zu kitzeln. Das war mein Anspruch an mich selbst. Ich habe nie hauptberuflich als Journalistin gearbeitet und mag mir daher kein Urteil erlauben. Oft fehlt den Leuten wahrscheinlich auch die Zeit um sich intensiv mit dem Gegenüber zu beschäftigen und so kommen dann „austauschbare“ Interviews heraus. Wenn aber das Interesse fehlt oder die Neugierde, dann sollte man den Job wechseln.

In einem Interview hast du mal gesagt, dass du aus der Musikrichtung “Deutschrap” herausgewachsen bist und dich mit vielen Texten einfach nicht mehr identifizieren kannst. Nun vertrittst du in deiner Agentur Künstler wie Nekst86 oder auch Liquit Walker.

Weißt du, bevor ich mich auf eine Zusammenarbeit mit Künstlern einlasse, schaue ich mir diese intensiv an. Als PR-Beraterin muss ich eine gewisse Objektivität und ein Gespür für gute Musik mitbringen. Es geht nicht darum, was mir persönlich Zuhause in meinem Kämmerchen gefällt. Es geht darum, was den Hörer und Rap-Liebhabern da draußen gefallen könnte. Und ob die Künstler, die zu mir kommen durch mich vielleicht mehr erreichen könnten als alleine. Das ganze Konzept muss einfach stimmen. Meine Herausforderung ist es, aus oft unbekannten Künstlern etwas herauszuholen und diese öffentlich bekannt zu machen. Ich biete den Leuten durch meine Kontakte und meine Arbeit ein Sprungbrett bekannt zu werden. Das ich nie jemals Jay-Z oder Kanye West betreuen werde ist wohl klar, aber meinen Teil dazu beitragen, dass die deutsche Hip-Hop Kultur weiterlebt, dass tue ich gern und vor allem mit Leidenschaft.

Würdest du auch Künstler vertreten, dessen Texte du persönlich nicht magst, vielleicht sogar diskriminierend findest?

Ich muss sagen, dass ich dem Ganzen sehr neutral gegenüberstehe. Ein Künstler ist eine Kunstfigur, ein Produkt. Auch wenn das viele Menschen nicht hören wollen. Aber in diesem Business geht es auch um Zielgruppen, Märkte und Plattenverkäufe. Das ist nicht alles nur Kunst und Liebe. Für den darstellenden Künstler schon, aber ich sehe da eher den Businessaspekt. Ansonsten könne ich meinen Beruf nicht professionell ausführen. Ich bin keine Kritikerin, ich bin PR-Beraterin. Als z.b. die Sache mit Money Boy anfing dachte ich mir aber auch kurz: „Diesen Typen würde ich niemals vertreten. Für kein Geld der Welt.“ Aus heutiger Sicht völliger Quatsch. Der Mensch ist erfolgreich mit dem was er macht. Egal ob seine Texte peinlich sind. Er ist eine Kunstfigur. Es ist sicher einfach für ihn Interviews zu platzieren oder seine Kontroversen immer wieder medientechnisch auszuspielen. Als PR-Berater hat man eine blühende Phantasie und ich liebe es, wenn einer meiner Künstler ein Interview gibt oder ich für ihn einen Artikel platzieren kann. Das ist mein Lohn. Das will ich erreichen. Aber natürlich habe ich auch meine Grenzen, die der ein oder andere schon zu spüren bekommen hat.

Hast du schon Künstler abgelehnt?

Ja, das habe ich. Es gibt Künstler, die sind weder kreativ noch talentiert und ich rechne ihnen wenig Chancen in der Musikbranche aus. Das kommuniziere ich dann auch ganz direkt. Warum sollte ich den Leuten Mut machen, ihnen Interviews versprechen und die große Bekanntheit, wenn ich jetzt schon weiß, dass sich niemand dafür interessieren wird. Damit möchte ich mein Geld nicht verdienen. Ich möchte jeden Tag in den Spiegel schauen und meine Arbeit mit meinem Gewissen vereinbaren können. Zudem möchte ich mir auch nicht meine Reputation in der Szene auch nicht kaputt machen. Aber das kläre ich alles zusammen vorher mit meinen Künstlern ab. Ich verspreche ihnen nicht das blaue vom Himmel. Oft hole ich sie erst einmal aus ihren Träumen zurück. Im Musikbusiness erfolgreich zu sein, ist harte Arbeit. Da reicht nicht mal ein Mixtape oder ein cooles Video.

Was muss man tun um erfolgreich im Rap-Business zu sein?

Das ist jahrelange Arbeit und viel Ehrgeiz. Mit einem Song wir wohl heute über Nacht niemand in Deutschland weltberühmt. Da reicht auch nicht eine Pressemitteilung und alle berichten. Das ist Arbeit über Monate und am Ende irgendwann erntet man eventuell die Lorbeeren und eins kommt zum anderen. Aber dafür fehlt den meisten Künstlern leider das Durchhaltevermögen und auch das nötige Kleingeld. Denn was viele Fans nicht wissen, Musik machen und in der Öffentlichkeit stehen kostet erst einmal viel Geld. Das fängt an mit Beats shoppen, einem Studio für die Aufnahmen, Merchandise, CD-Produktionen und und und. Am Ende komme dann ich mit der Promotion und Pressearbeit. Ohne Label im Hintergrund muss das alles selbst finanziert werden. Die meisten Rapper haben aber für all das, was ich gerade aufgezählt habe, nicht einmal einen Euro übrig, machen alles selbst und oft kommt dann dementsprechend auch ein Ergebnis raus. Aber mit Rap-Musik verdienen ja die Wenigsten heutzutage noch Geld, um dann wieder neue Projekte finanzieren zu können. Ein ewiger Kreislauf. Traurig.

Unter deinen Hobbys findet man das Wort “Blogosphäre”. Was fasziniert dich so sehr daran und wie siehst du die Entwicklung von Blogs in der Zukunft? Haben sie eine relevante Chance gegen den vermeintlichen Qualitätsjournalismus?

Ich glaube, dass sich die Blogs und Qualitätsjournalismus gar nicht ausschließen. Die Art wie Menschen heutzutage Nachrichten und Wissen konsumieren ist eine andere geworden. Was man früher in der Tageszeitung nachlesen konnte, steht heute schon einen Tag früher in einem Blog. Oft genauso gut recherchiert. Ich bin keine Wahrsagerin, aber ich kann mir gut vorstellen, dass in den nächsten 20 Jahren es nur noch spezielle Printprodukte gibt und man die täglichen News eben Online erfährt. Was mich fasziniert ist die rasante Verbreitung von Informationen durch Blogs. Das ist irgendwie beängstigend, aber auch faszinierend. Früher waren die Nachrichtenwege viel länger und heute ist man überall fast live dabei.

Zum Abschluss dieses Interviews würde ich mich freuen wenn du folgende Sätze beenden könntest:

Leuten, die in der Medienbranche arbeiten wollen, empfehle ich... zieht durch und verwirklicht eure Träume, aber vergesst nie, dass vieles mehr Schein ist als Sein.

Der Musikmarkt wird sich… wahrscheinlich nie erholen, aber wir müssen das Beste draus machen und uns weiterentwickeln.

Müsste ich Berlin verlassen, würde ich… ein neues Leben ohne Facebook und Co. irgendwo am Meer anfangen.

Deutscher Rap… erwacht langsam wieder aus seinem Tiefschlaf.

Ich bin absolut… erfolgsorientiert.

Vielen lieben Dank Mareen für deine ausführlichen Antworten und weiterhin viel Erfolg mit Macheete.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ruhig mehr solcher interviews. bin erstaunt, dass es so taffe frauen in der branche gibt.

  2. hört sich alles cool an, doch in einem punkt verstehe ich die frau wordoff nicht.. sie lehnt künstler ab welche nicht talentiert/krativ sind, was auch versätnldich ist, doch wiederum hat sie künstler bei ihrer agentur welche schon 34 jahre alt sind, aus der schweiz kommen, auf englisch rappen und versuchen in den USA fuss zu fassen.. aber hauptsache sie sind kreativ und talentiert? sehr komplex, ihr entscheidungs-verfahren.

  3. Hallo Mookie,

    danke für deine Meinung. Jemanden nach seinem Talent zu beurteilen ist eine subjektive Geschichte.

    Du sprichst sicher auf Nefew an. Für mich sind die Jungs kreativ und talentiert – eine Grundvoraussetzung, die man in diesem Geschäft mitbringen sollte. Ob das Alter dabei eine Rolle spielt, wage ich zu bezweifeln. Meine Entscheidunge beruht natürlich nicht nur auf diesen einen angesprochenen Punkt. Dazu gehören weitaus mehr Dinge. Aber das hätte im Interview einfach den Rahmen gesprengt.

    Grüße,
    Mareen

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