Hinter den Kulissen #2 – Christoph Lange CMO bei Simfy [Interview-Serie]

Mit der Interviewreihe “Hinter den Kulissen” möchten wir euch Menschen vorstellen, die eng mit der Musikindustrie zusammenarbeiten, aber doch eher selten im Fokus stehen. Mit Christoph Lange möchte ich euch heute den CMO von Simfy vorstellen. In einem ausführlichen Gespräch unterhielten wir uns über seine Person, Simfy, die Musikbranche in der Zukunft uvm.

Hallo Christoph, schön, dass du  Zeit gefunden hast.

Hi. Grüß dich. Gerne!

Bevor wir über Simfy reden, möchte ich gerne auf dich und deinen Lebenslauf eingehen. Die wichtigsten Fakten: Du bist studierter BWLer und hast außerdem Wirtschaftsinformatik und Anglistik in Mannheim und Budapest studiert. Außerdem bist du Dozent an der Popakademie in Mannheim. Was kannst du uns noch über dich erzählen?

Dazu muss man noch sagen, dass ich aktuell noch im Studium stecke, also gar nicht zu Ende studiert habe. Jetzt steht noch die Diplomarbeit aus und ansonsten bin ich Musik begeistert, hab da alles mögliche ausprobiert im Musikbereich, und jetzt seit 2006 auch professionell mit Simfy. Damals mit einem Freund von der Uni Mannheim (Steffen Wickert) zusammen gegründet und seit einiger Zeit jetzt mit der Firma in Köln und ich freu mich jetzt auf das Interview.

Das heißt die Arbeit ist dir so über den Kopf gewachsen, dass die Zeit fürs Studium aktuell nicht mehr reicht?

Ja das war im Prinzip ein schleichender Prozess. Wir haben anfangs das Studium noch parallel laufen lassen und haben unsere Klausuren auch noch zu Ende geschrieben. Ich habe glaube ich 2009 meine letzte Klausur geschrieben aber jetzt zählt die Firma zu 110%, dass es gar nicht gehen würde die Diplomarbeit nebenbei zu schreiben. Aber irgendwann wird das nachgeholt und dann steht da auch der Diplom-BWLer im Lebenslauf.

Wie sieht denn ein typischer Tag bei dir aus? Du sagst selber er ist sehr zeitintensiv. Fängt der sehr früh an bei dir und endet spät? Oder wie kann man sich das vorstellen?

Als Gründer bzw. Unternehmer wenn man so möchte gibt’s da eigentlich keinen Feierabend. Man steht morgens auf und denkt über Themen nach die einen beschäftigen und geht abends ins Bett und denkt immer noch darüber nach. Ansonsten ist der Arbeitsalltag relativ Standard. Ich bin kein besonders ausgeprägter Frühaufsteher und komme einigermaßen normal um 9 Uhr ins Büro und verlass das abends auch zu einigermaßen akzeptablen Zeiten. Man redet aber doch immer über das Produkt und denkt drüber nach wie man es besser machen kann. Es hört also nie auf und deswegen ist es relativ schwer den Kopf frei zu kriegen, vor allem auch am Wochenende.

Ich hatte es anfangs bereits erwähnt. Du bist CMO, was soviel bedeutet wie Chief Marketing Officer oder auf Deutsch so etwas wie Marketingleiter. Was sind deine täglichen Aufgaben in dieser Funktion?

Ja das ist tatsächlich ein sehr sperriger Begriff und es ist schwierig meine Aufgaben in einen Titel hineinzuzwängen. Platt gesagt bin ich für das Produkt und für das Marketing zuständig. Ich habe ein Team von vielen Produktmanagern und einen Marketingmanager und Online-Manager, die dafür zuständig sind, dass Simfy gut funktioniert und die zukünftigen Nutzer wissen, dass es uns gibt.

Auf der Simfy Seite steht, dass du immer auf der Jagd nach DEM Killerfeature bist. Welches Feature dieser Art wurde bei euch als letztes umgesetzt?

Eine wichtige Entscheidung Anfang des Jahres war sicherlich der Launch unser Desktop Applikation, die wir kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Wir schreiben uns auf die Fahne “Einfach Musik hören” und das spiegelt sich in diesem Produkt einfach nochmal besser wieder.

Ihr seid ja in letzter Zeit sehr präsent und steigert kontinuierlich euren Bekanntheitsgrad. Für alle, die euch noch nicht kennen, stell doch bitte Simfy kurz und knapp vor.

Gerne. Wir haben aktuell 11 Millionen Titel ganz sauber und legal lizensiert. Der Zugriff erfolgt kostenlos über Stream mit hin und wieder Werbung entweder per Webseite auf Simfy.de oder über die Desktop-Applikation. Man kann sich Playlisten erstellen, komplette Alben anhören, bei Facebook posten uvm. Unserer Meinung nach der beste Musikplayer den es gibt. Was wir daneben anbieten ist ein 10€ Premium Paket. Wenn ich dieses Paket abschließe habe ich auch die Möglichkeit meine Musik mobil abzurufen (aktuell werden Iphone & Android Geräte unterstützt) und sie außerdem offline verfügbar zu machen wenn man mal kein Internet hat und teure Roaming-Gebühren vermeiden möchte. Eine Synchronisation auf allen Geräten ist ebenfalls möglich.

Zu Zeiten von Youtube & illegalen Downloads: Wo genau liefert Simfy hier den Mehrwert?

Einerseits kommen die Songs direkt vom Label mit einer 1A Qualität, sie sind immer verfügbar und immer im Original. Andererseits bieten wir meistens das gesamte Album des Künstlers, die Diskographie und weitere Infos an. Wir können meist auch das gesamte Repertoire des Künstlers auf einen Blick anbieten und das viel komfortabler.

Vorteil von Simfy ist auf jeden Fall die Mobilität, Musik einfach an jedem Ort der Welt in perfekter Qualität hören zu können. Verfechter von Streaming-Diensten sehen darin einen Verfall der Wertigkeit in der Musik. Begründet darin, dass durch den Wegfall von CD’s oder Vinyl die Musik nicht mehr in den Maßen geschätzt wird wie früher. Wie siehst du das?

Das leuchtet mir nicht ein. Der Wert der Musik ist das Musikstück an sich. Ob es mich bewegt, ob es mich emotionalisiert etc. Ob da noch ein schickes Cover darum gebastelt ist oder ein Stück Plastik ist mir weniger wichtig. Das ist zwar schön und ich kaufe mir auch hin und wieder ein Sammlerstück einer favorisierten Band wegen des Booklets oder eines Zusatzes aber der Wert der Musik ist das Musikstück ansich. Und genau das schätze ich an Streaming-Diensten wie Simfy. Ich höre viel mehr verschiedene Musik. Früher habe ich nie so eine große Auswahl gehabt weil ich es mir einfach nicht kaufen wollte und heute kann ich speziellen Punkrock aus den 70er Jahren hören und direkt danach elektronische Musik, die mir jemand empfohlen hat. Ich höre dadurch meiner Meinung nach viel intensiver Musik weil ich nicht mehr so eingeengt bin.

28% nutzen laut Studie bereits Streaming Dienste. 75% davon nur kostenlose Dienste. Wie siehst du die Entwicklung und welcher Mehrwert könnte dazu führen, dass die Leute bereit sind Geld für Streaming auszugeben?

Es ist auf jeden Fall Bewegung auf dem Markt und wir setzen ganz klar auf Streaming. Auch die “Großen” der Branche setzen, wenn auch in Zwischenschritten, langsam auf diesen Bereich. Es ist aus unserer Sicht schlicht das komfortablere Modell und die Nutzer sehen das vermehrt auch so. Das hat natürlich auch etwas mit Technologie zu tun, dass auch immer mehr Bandbreite verfügbar ist und man im Gegensatz zu früher auch viel mehr online ist. Wir glauben auch, dass die Leute in Zukunft nicht nur für die Musik Geld ausgeben sondern auch für den Komfort der ihnen geboten wird. Es entwickelt sich also eine Zahlungsbereitschaft dahin, dass es mir als Konsument sehr einfach gemacht wird Musik überall und jederzeit zu hören. Das werden wir natürlich versuchen zu nutzen um das Modell wiederum tragfähig zu machen.

Ich habe bei Twitter gelesen, dass z.B. die Arctic Monkeys lediglich 4 Tracks freigegeben haben. Warum und gibt es noch mehr “Problemfälle”?

Das sind leider nicht die Einzigen. Es gibt da auch andere Bands bei denen das so ist. AC/DC ist da ein Beispiel aber glücklicherweise sind das nur Einzelfälle. Trotz anerkannter Studien, die besagen, dass kostenloses Streaming Abverkäufe fördert, sind einige Musiker bzw. Manager dennoch gegen dieses Geschäftsmodell. Dennoch erhalten wir  größtenteils positives Feedback, da unser Modell in keinster Weise kanibalisiert.

Last.FM arbeitet ja bekanntlich mit einem Algorithmus, der sich an das Musikverhalten des Hörers anpasst und ihm ähnlich klingende Musik vorschlägt. Wie seht ihr euch im “Empfehlungs-Segment” aufgestellt?

In diesem Bereich sehen wir unser Produkt noch sehr unterentwickelt und deswegen wollen wir uns dort weiterentwickeln. Da gibt es viele Wege ran zu gehen und da machen wir auch keinen Unterschied zwischen einem Major- bzw. kleinen Label. Wir sind kein zweites MTV, wo es darum geht massentauglich die Leute mit einem Kanal zu berieseln. Jeder baut sich bei uns seinen eigenen Kanal wenn er möchte und daran arbeiten wir stetig.

Aktuell habt ihr ja Beschwerde beim Bundeskartellamt gegen Apple eingereicht. Es geht darum, dass eure Ipad-App seit mehreren Monaten nicht freigeschalten wird und ihr keinerlei Feedback von Seiten Apple’s erhaltet. Wie ist da der aktuelle Stand?

Wir sehen das nach wie vor als wahrscheinlich an, dass die Ipad-App auch durchgehen wird. Wir sehen keinen Grund warum sie nicht durchgehen sollte. Wir haben eine voll akzeptierte und geprüfte Iphone-App. Es gibt also eigentlich keinen Grund, warum diese App nicht lizensiert sein sollte, zumindest kennen wir keinen und es wurde uns auch keiner mitgeteilt. Was wir ja schon getan haben, wir haben ganz offiziell Beschwerde eingelegt weil wir gesagt haben es ist eine Sache eine App nicht freizuschalten aber dann auf mehrfache Nachfrage überhaupt nicht zu reagieren wollten wir nicht auf uns sitzen lassen. Das Ganze ist natürlich auf Ankündigung passiert und dadurch wollen wir sensibilisieren und sagen, dass es so nicht geht. Apple dominiert den Markt und hat dadurch auch eine gewisse Verpflichtung als Quaso-Monopolist.

Zum Schluss würde mich noch interessieren wie du die Musikbranche in 5 Jahren siehst? Wie wird Musik zukünftig konsumiert? Welche Entwicklungen sind erfolgsversprechend? Was könnte das nächste “große Ding” sein?

Das ist eine schwierige Frage und da bin ich ganz ehrlich. Hätte mich jemand vor 10 Jahren gefragt wie die Musiknutzung heute aussieht, hätte ich sicher etwas völlig anderes gesagt. Ein großer Paradigmenwechsel ist meiner Meinung nach dieses „Weggehen von Besitz“ hin zu einer Verfügbarkeit. Man bezahlt also nur noch für den Zugang, ein Trend der sich in Zukunft intensivieren wird. Ansonsten glaube ich, dass sich die Musiklandschaft ein Stück weit individualisieren wird. Man braucht nicht mehr diese riesen Maschinerie um eine Chance auf dem Musikmarkt zu haben. Deswegen glaube ich, dass sich individualisierte, kleinere Labels durchsetzen, die sich in der Nische sehr gut platzieren und besser mit ihrer Zielgruppe kommunizieren können.

Für die Major-Labels wird das eine große Herausforderung auf diese Entwicklung eine Antwort zu finden. Und wiederum bei den Major-Labels wird der Trend dahin gehen, dass sie ihr Geschäftsmodell stärker diversifizieren und stärker ins Live-Geschäft einsteigen, den Fokus auf Merchandise legen und sogenannte 360 Grad Verträge abschließen. Das wird in Zukunft verstärkt eintreten, dass sich die großen Labels breiter aufstellen und viele kleine Labels sich individualisieren und eine konkrete Zielgruppe ansprechen. Das muss natürlich nicht immer ein Label sein, sondern kann auch ein Blog sein, der für eine bestimmte Zielgruppe den perfekten Kommunikationskanal darstellt. Da ist vieles denkbar.

Dann bedanke ich mich für deine Zeit und wünsche weiterhin viel Erfolg mit Simfy.

Schreib einen Kommentar